Der Moment, als Stefan das Handy hinwarf
Stefan Brandner ist Streetworker in Hamburg-Altona. Er kennt die Straßen, die Gesichter, die Geschichten. Und er kennt das Dilemma, das viele seiner Kolleginnen und Kollegen schweigend tragen: das Diensthandy mit WhatsApp, das Teamchat in einem Microsoft-365-Tenant, der irgendwo auf US-amerikanischen Servern läuft – und der Klient, der gerade erzählt hat, dass er seit drei Monaten auf der Straße schläft und Angst vor dem Jugendamt hat.
An einem Dienstagnachmittag im April scrollte Stefan durch seinen Twitter-Ersatz. Er hatte vor einem Jahr widerwillig auf Mastodon gewechselt – mehr aus Neugier als aus Überzeugung. Was er dort fand, überraschte ihn: Keine Algorithmen, die ihm Empörung servieren. Keine Werbung. Keine Datenkrake, die seine Interaktionen in ein Profil presst. Und eine Gemeinschaft, die tatsächlich über Dinge diskutiert, die ihn bewegen: Wohnungslosigkeit, digitale Inklusion, soziale Gerechtigkeit.
Dann kam die Meldung: Das Fediverse hat 10.488.000 aktive Nutzerinnen und Nutzer. Über 10.427 unabhängige Instanzen. Mehr als 1,19 Milliarden Beiträge. Stefan legte das Handy hin. Und dachte: Warum wissen meine Kolleginnen nichts davon?
Warum das kein Technik-Thema ist
Es wäre einfach, diese Zahlen als interessante Randnotiz abzuhaken. Aber für Stefan – und für jeden, der in der Sozialen Arbeit tätig ist – steckt dahinter eine grundlegende professionelle Frage: Auf welchen Plattformen kommunizieren wir? Wessen Interessen dienen diese Plattformen? Und was bedeutet das für unsere Klientinnen und Klienten?
Die klassischen Plattformen – Facebook, Instagram, X (ehemals Twitter), aber auch Geschäftslösungen wie Microsoft Teams oder Google Workspace – sind keine neutralen Werkzeuge. Sie sind Geschäftsmodelle. Ihr Kern ist die Verwertung von Daten: Wer kommuniziert wann mit wem? Welche Themen werden berührt? Welche Emotionen lösen Beiträge aus?
Für Privatpersonen ist das unangenehm. Für Fachkräfte der Sozialen Arbeit ist es ein Problem mit berufsrechtlichen Dimensionen. Die Schweigepflicht nach § 203 StGB schützt das Vertrauensverhältnis zwischen Fachkraft und Klient. Sie endet nicht am Bildschirmrand. Wer Fallnotizen in einem WhatsApp-Chat mit Kollegen teilt oder sensible Informationen über einen Klienten in einem Teams-Kanal bespricht, bewegt sich rechtlich in einer Grauzone – und ethisch in einer noch problematischeren.
10 Millionen Menschen haben eine andere Wahl getroffen
Das Fediverse ist kein obskures Techie-Projekt mehr. Es ist eine gewachsene Infrastruktur für digitale Kommunikation, die auf einem grundlegend anderen Prinzip beruht: Dezentralität. Keine einzelne Firma kontrolliert das Netzwerk. Keine Algorithmen entscheiden, welche Inhalte sichtbar sind. Kein US-amerikanisches Unternehmen hat Zugriff auf die Metadaten der Nutzerinnen.
Mastodon – die bekannteste Plattform im Fediverse – funktioniert wie E-Mail: Jeder kann eine eigene Instanz betreiben, und trotzdem können alle miteinander kommunizieren. Eine Beratungsstelle könnte ihre eigene Mastodon-Instanz hosten, auf deutschen Servern, unter deutschem Recht, mit voller Kontrolle über die gespeicherten Daten. Öffentliche Kommunikation nach außen wäre trotzdem möglich – aber die Datenhoheit bliebe beim Träger.
Das ist kein Science-Fiction. Das ist gelebte Praxis bei Tausenden von Organisationen, Vereinen und Institutionen weltweit. Und es ist eine Praxis, die mit den Werten der Sozialen Arbeit – Selbstbestimmung, Schutz vulnerabler Gruppen, Ressourcenorientierung – weit besser kompatibel ist als das nächste Update von Microsoft 365.
Die Lebenswelt unserer Klienten denken wir oft nicht digital
Hier kommt ein weiterer Aspekt ins Spiel, den Stefan in seiner Arbeit immer wieder erlebt: Wohnungslose Menschen, Menschen in prekären Verhältnissen, Jugendliche ohne stabiles Umfeld – sie sind digital aktiv. Sie nutzen Smartphones. Sie sind auf Plattformen. Und sie hinterlassen Spuren.
Wenn ein junger Mensch in der Jugendhilfe auf Instagram über seine Situation schreibt und eine Fachkraft das in einem Fall kommentiert oder liked – wer hat diese Information? Meta. Wer kann sie auswerten? Werbe-Algorithmen, im schlimmsten Fall Behörden mit entsprechenden Rechtsgrundlagen.
Lebensweltorientierung in der Sozialen Arbeit bedeutet nicht, jeden Schritt der Klienten auf kommerziellen Plattformen mitzugehen. Es bedeutet, die digitalen Lebensräume zu verstehen – und gleichzeitig professionelle Kommunikation in Räumen zu verorten, die Schutz bieten. Das Fediverse kann dieser Raum sein: offen genug für Vernetzung, geschützt genug für sensible Arbeit.
Dezentrale Alternative: Fediverse-Einstieg für Sozialteams
Die gute Nachricht: Der Einstieg ins Fediverse ist niedrigschwelliger als viele denken. Für Teams und Organisationen gibt es mehrere Wege:
Schritt 1 – Ausprobieren: Einfach einen Account auf einer themennahen Instanz erstellen. Für Soziale Arbeit bietet sich etwa social.coop oder fosstodon.org an – oder man fragt beim eigenen Träger nach einer institutionellen Instanz.
Schritt 2 – Fachliche Vernetzung: Im Fediverse gibt es bereits eine aktive Community rund um Soziale Arbeit, Bildung, Gesundheit und Gemeinwohl. Hashtags wie #SozialeArbeit, #Fachkräfte oder #Gemeinwohl öffnen Türen.
Schritt 3 – Institutionelle Entscheidung vorbereiten: Wer in seiner Organisation eine Fediverse-Präsenz aufbauen will, braucht keine großen IT-Budgets. Managed Mastodon-Hosting gibt es ab wenigen Euro im Monat – mit deutschen Servern und DSGVO-konformer Datenhaltung.
Praxis-Quickie: Heute noch starten
In 10 Minuten ins Fediverse: Gehe auf joinmastodon.org, wähle eine Instanz, die zu deinem Themenfeld passt, und erstelle einen Account. Suche nach dem Hashtag #SozialeArbeit – und du wirst feststellen, dass das Gespräch schon läuft. Du musst nur noch mitmachen.
Für Träger: Kontaktiere deinen IT-Dienstleister und frage konkret nach einem DSGVO-konformen Mastodon-Hosting. Wenn er nicht weiß, was das ist – dann weißt du, dass es Zeit für einen neuen Dienstleister ist.
Das Fediverse ist kein Geheimtipp mehr. Es ist eine Infrastruktur, die gewachsen ist, weil Millionen Menschen entschieden haben, dass Kommunikation kein Produkt sein sollte. Für die Soziale Arbeit, die Empowerment und Selbstbestimmung als Kernwerte trägt, ist das keine technische Entscheidung. Es ist eine professionelle.
Stefan nutzt Mastodon jetzt seit einem Jahr. Er hat drei Kolleginnen überzeugt. Und er hat aufgehört, das Diensthandy gegen die Wand zu werfen.