Petra koordiniert sechs Selbsthilfegruppen – für Angehörige psychisch erkrankter Menschen, für Eltern suchtmittelgefährdeter Jugendlicher, für Frauen nach häuslicher Gewalt. Der Austausch in diesen Gruppen ist intim, verletzlich und heilsam. Doch seit die Gruppen während der Pandemie auf digitale Formate umgestiegen sind, nutzt Petra WhatsApp für die Organisation und Zoom für die Treffen. Beides Tools von Konzernen, deren Geschäftsmodell auf Datenanalyse beruht. Und Petra fragt sich: Was passiert mit den Gesprächsinhalten, die dort geteilt werden?
Diese Frage ist nicht paranoid. Sie ist professionell. Denn in Selbsthilfegruppen werden Themen besprochen, die tief in die Privatsphäre der Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingreifen: Krankheiten, Süchte, Traumata, familiäre Konflikte. Diese Gespräche verdienen einen Schutz, den kommerzielle Plattformen nicht bieten.
Warum kommerzielle Plattformen für Selbsthilfegruppen problematisch sind
WhatsApp mag einfach sein. Zoom mag funktionieren. Doch für Selbsthilfegruppen haben diese Plattformen drei grundsätzliche Probleme:
Erstens: Die Daten liegen nicht bei euch. WhatsApp-Nachrichten werden zwar Ende-zu-Ende verschlüsselt übertragen, aber die Metadaten – wer schreibt wem, wann, wie oft – werden von Meta erfasst. Für eine Selbsthilfegruppe zu häuslicher Gewalt bedeutet das: Der Konzern weiß, wer Teil dieser Gruppe ist.
Zweitens: Die Bedingungen können sich ändern. Zoom hat 2020 seine Datenschutzrichtlinien mehrfach angepasst – teils unter öffentlichem Druck. Was heute gilt, muss morgen nicht mehr gelten. Selbsthilfegruppen brauchen Verlässlichkeit, nicht eine AGB, die alle paar Monate neu interpretiert wird.
Drittens: Es gibt keine Transparenz. Weder WhatsApp noch Zoom sind Open Source. Niemand kann überprüfen, was die Software tatsächlich tut. Für Gruppen, die existenzielle Themen besprechen, ist diese Intransparenz ein Risiko.
Aktuelle Entwicklungen zeigen, dass es Alternativen gibt. Die Netzwerksicherheit rückt zunehmend in den Fokus – auch für private und kleine Organisationen. Neue Anleitungen helfen dabei, Heimnetzwerke und kleine Gruppeninfrastrukturen abzusichern. Open-Source-Lösungen wie Matrix und Jitsi bieten verschlüsselte Kommunikation, die selbst gehostet werden kann. Und das Fediverse wächst kontinuierlich, mit neuen Instanzen, die datenschutzfreundliche Alternativen bereitstellen.
Drei Schritte zu sicheren digitalen Räumen für Selbsthilfe
Schritt 1: Die Kommunikation auf Matrix umstellen
Matrix ist ein offenes Kommunikationsprotokoll, das verschlüsselte Gruppenchats und Videoanrufe ermöglicht. Im Gegensatz zu WhatsApp läuft Matrix nicht auf Servern eines Konzerns, sondern kann auf einem eigenen Server betrieben werden. Dieclient-Oberfläche Element ist intuitiv und auch für technisch weniger versierte Teilnehmerinnen gut nutzbar.
Für Petra bedeutet das: Sie kann einen Matrix-Raum für jede ihrer Selbsthilfegruppen einrichten, die Kommunikation verschlüsseln und sicherstellen, dass nur eingeladene Personen Zugang haben. Die Metadaten bleiben auf ihrem Server. Niemand außer der Gruppe erfährt, wer teilnimmt.
Der Einstieg ist einfacher als gedacht. Es gibt托管-Angebote, bei denen die technische Einrichtung übernommen wird – Petra braucht keinen eigenen Server zu betreiben. Und für die Teilnehmerinnen ist der Wechsel von WhatsApp zu Element nicht schwerer als die Installation einer neuen App.
Schritt 2: Videokonferenzen mit Jitsi statt Zoom
Jitsi ist eine Open-Source-Plattform für Videokonferenzen, die direkt im Browser läuft – ohne Installation, ohne Account. Für Selbsthilfegruppen bedeutet das: Teilnehmerinnen können sich einfach über einen Link einwählen, ohne persönliche Daten preiszugeben.
Besonders wichtig: Jitsi kann selbst gehostet werden. Die Videodaten laufen dann über einen Server, den Petra oder ihr Träger kontrollieren. Die Gespräche bleiben vertraulich, und es gibt keine Aufzeichnung durch Dritte.
Für Gruppen, die sensible Themen besprechen, ist das ein entscheidender Unterschied. Die Teilnehmerinnen können sicher sein, dass ihre Gespräche nicht analysiert, gespeichert oder weiterverarbeitet werden.
Schritt 3: Heimnetzwerke und Geräte absichern
Sichere Kommunikation reicht nicht, wenn die Geräte kompromittiert sind. Selbsthilfegruppen, die von zu Hause aus teilnehmen, nutzen oft private Netzwerke, die nicht ausreichend geschützt sind. Aktuelle Anleitungen zur Netzwerksicherheit helfen dabei, grundlegende Schutzmaßnahmen zu ergreifen.
Dazu gehören: Die Router-Firmware aktuell halten, ein separates Gast-WLAN für berufliche oder gruppenbezogene Kommunikation einrichten, Endgeräte mit aktuellen Sicherheitsupdates versorgen und Passwörter regelmäßig ändern. Für Petra und ihre Gruppen bedeutet das: Ein kurzer Sicherheitstipp zu Beginn jedes digitalen Treffens kann schon viel bewirken – etwa der Hinweis, dass Teilnehmerinnen ein privates Fenster im Browser nutzen sollten, wenn sie Jitsi über den Browser aufrufen.
Diese Maßnahmen klingen banal, werden aber in der Praxis oft übersehen. Gerade in Selbsthilfegruppen, wo die Teilnehmerinnen oft in persönlichen Ausnahmesituationen sind, sollte die Technik nicht zum zusätzlichen Risiko werden.
Vertraulichkeit als Grundlage der Selbsthilfe
Selbsthilfegruppen funktionieren, weil Menschen sich vertrauen. Dieses Vertrauen beruht auf der Gewissheit, dass das, was in der Gruppe gesagt wird, in der Gruppe bleibt. Diese Grundregel – Verschwiegenheit – muss sich auch in der digitalen Infrastruktur widerspiegeln.
Wer Selbsthilfegruppen auf WhatsApp und Zoom organisiert, sagt implizit: Vertraulichkeit ist wichtig, aber nicht wichtig genug, um die bequeme Lösung infrage zu stellen. Das ist eine Botschaft, die bei den Teilnehmerinnen ankommt – auch wenn sie nicht ausgesprochen wird.
Digitale Souveränität in der Selbsthilfe bedeutet: Die Werkzeuge der Kommunikation so zu wählen, dass sie dem Vertrauen entsprechen, das die Teilnehmerinnen einbringen. Es bedeutet, die technischen Entscheidungen nicht den Konzernen zu überlassen, sondern sie bewusst im Interesse der Gruppe zu treffen.
Die Werkzeuge dafür sind da. Matrix für die Chat-Kommunikation, Jitsi für die Videokonferenzen, sichere Netzwerkpraktiken für die Geräte. Es braucht nur die Entscheidung, sie zu nutzen.
Wenn das Thema in eurer Einrichtung oder Gruppe auftaucht, lohnt sich ein genauer Blick auf die eigene digitale Infrastruktur: Wo entstehen vertrauliche Räume? Wer kontrolliert Zugänge? Welche Daten liegen bei welchen Anbietern? Und wie können digitale Räume so gestaltet werden, dass sie verständlich, sicher und alltagstauglich bleiben?
Beim Digitalen Dorf geht es genau um solche Fragen: praxisnah, verständlich und mit Blick auf digitale Souveränität im Alltag.
Quellen:
[1] How does one audit a home network reasonably? – Netzwerksicherheit für Heimnetzwerke: hachyderm.io/@adangerbartels
[2] Matrix – Offenes Protokoll für verschlüsselte Kommunikation: matrix.org
[3] Jitsi – Open-Source-Videokonferenzen: jitsi.org
[4] Element – Matrix-Client für einfache Nutzung: element.io