Marias Website schließt genau die Menschen aus, denen sie helfen soll
Maria leitet seit sechs Jahren eine Jugendhilfe-Einrichtung. Letzte Woche hat sie ihre eigene Website mit einem Screenreader getestet – zum ersten Mal. Was sie gehört hat, war ernüchternd.
Bilder ohne Bildbeschreibung. Menüpunkte, die nicht vorgelesen werden. Formulare, die sich ohne Maus nicht ausfüllen lassen. Eine Startseite, die für jemanden mit Sehbehinderung schlicht nicht nutzbar ist. Maria weiß jetzt: Ihre Einrichtung ist im echten Leben inklusiv. Digital ist sie es nicht.
Das stille Problem hinter der Website
Digitale Barrierefreiheit ist in sozialen Einrichtungen ein strukturell vernachlässigtes Thema. Nicht aus bösem Willen – sondern weil es schlicht nie auf der Prioritätenliste auftaucht. Andere Dinge sind dringender. Finanzierung, Personal, Konzeptarbeit.
Dabei ist die Zielgruppe Sozialer Arbeit häufig genau jene Gruppe, für die das Netz ohne Barrierefreiheit ein Hindernis bleibt: Menschen mit körperlichen oder kognitiven Einschränkungen, ältere Menschen, Menschen mit eingeschränkter Lesekompetenz, Menschen mit Migrationshintergrund.
Eine aktuelle Diskussion im Fediverse macht das sichtbar: Die Nutzung von Alt-Texten für Bilder in sozialen Netzwerken wird dort als grundlegende digitale Praxis diskutiert – nicht als technische Spielerei, sondern als Frage der digitalen Teilhabe. Wer kein Bild sehen kann, bekommt ohne Alt-Text schlicht nichts mit.
Das gilt genauso für die Website einer Jugendhilfe-Einrichtung wie für einen Mastodon-Post.
Und die rechtliche Lage ist eindeutig: Seit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG), das 2025 in Kraft getreten ist, sind auch private Dienstleister und damit viele gemeinnützige Träger zur digitalen Barrierefreiheit verpflichtet. Wer das ignoriert, riskiert nicht nur Ausgrenzung – sondern auch rechtliche Konsequenzen.
Für Maria bedeutet das: Handeln ist keine Option mehr. Es ist Pflicht.
Was Maria jetzt tun kann: 3 konkrete Schritte
Schritt 1: Den eigenen digitalen Auftritt prüfen – kostenlos und sofort
Der erste Schritt kostet keine Stunde. Maria öffnet den kostenlosen WAVE Accessibility Checker (wave.webaim.org) und gibt ihre Einrichtungswebsite ein. Das Tool zeigt sofort, wo Bilder ohne Alt-Text sind, wo Kontraste zu schwach sind, wo Strukturelemente fehlen.
Alternativ: Die Seite einfach mit dem Browser-Screenreader testen. Unter Windows ist das Narrator (Windows-Taste + Strg + Enter), auf dem Mac VoiceOver (Cmd + F5). Fünf Minuten zuhören – und der Stand wird sofort klar.
Schritt 2: Die drei häufigsten Barrieren beheben
Nicht alles auf einmal, aber das Wichtigste zuerst:
- Alt-Texte für alle Bilder ergänzen. Nicht „Foto“ oder „Bild“, sondern eine kurze Beschreibung dessen, was zu sehen ist. „Gruppe junger Menschen beim gemeinsamen Kochen“ ist gut. „Bild“ ist wertlos.
- Kontraste prüfen. Hellgrauer Text auf weißem Hintergrund ist für viele Menschen nicht lesbar. Tools wie Contrast Checker (WebAIM) helfen dabei, WCAG-konforme Farbkombinationen zu finden.
- Sprache vereinfachen. Komplizierte Schachtelsätze und Fachbegriffe sind die unsichtbare Barriere. Einfache Sprache – nicht Leichte Sprache im Formalsinne, aber klar und verständlich – hilft allen.
Schritt 3: Barrierefreiheit ins Team-Bewusstsein bringen
Einzelpersonen können Barrierefreiheit anstoßen, aber nicht dauerhaft alleine tragen. Maria sollte das Thema in die nächste Teamsitzung einbringen und eine einfache Vereinbarung treffen: Kein Bild wird ohne Alt-Text veröffentlicht. Keine neue Seite geht online, ohne dass jemand kurz mit dem Screenreader draufgehört hat.
Das klingt nach Aufwand. In der Praxis sind das fünf Minuten pro Beitrag.
Warum das ein Wertethema ist
Soziale Arbeit hat Inklusion als Grundwert verankert. In vielen Einrichtungen ist dieser Wert in der Präsenzsphäre gut gelebt. Im digitalen Raum klafft häufig eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Digitale Barrierefreiheit ist keine technische Disziplin, die Spezialistinnen und Spezialisten überlassen werden darf. Sie ist eine Haltungsfrage. Wer sagt, dass alle Menschen Zugang zu Unterstützung haben sollen, muss auch sicherstellen, dass die eigene Website, die eigenen Social-Media-Kanäle und die eigenen digitalen Formulare für alle zugänglich sind.
Alt-Texte schreiben ist kein Zeichen digitaler Kompetenz. Es ist ein Zeichen von Respekt.
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Quellen: